Nächster Halt Olten, Stadt der Fremdgänger

Wo treffen sich Untreue? In der Mitte zwischen Bern, Basel und Zürich. Wo sie niemand sucht und keiner kennt. In einem Hotel in Olten.

Heimlich Liebende bevorzugen Olten, die unscheinbare Kleinstadt für den Halt auf Verlangen.

Heimlich Liebende bevorzugen Olten, die unscheinbare Kleinstadt für den Halt auf Verlangen.

Adrian Baer / NZZ

Jedes Mal, wenn mein Zug durch Olten fährt und an Olten vorbei Richtung Basel oder Bern, denke ich an das heimliche Liebespaar. An die heimlich Liebenden, die hier aussteigen und für ein paar Stunden bleiben, obwohl sie im Schweizer Mittelland nichts verloren haben, weil es für sie nichts zu finden gibt. Ausser einander.

Ich habe keine Statistik dazu gefunden. Die eine oder andere Geschichte wurde mir aber erzählt. Olten, die Drehscheibe der Eisenbahnschweiz, eignet sich für Affären. Hier laufen Fahrwege zusammen, deshalb spricht man auch vom Knotenpunkt. Die Lage ist günstig: Von Zürich, Bern oder Basel liegt Olten keine halbe Zugstunde entfernt. In etwas mehr als dreissig Minuten gelangt man auch nach Biel und Luzern.

Ein Paar also, das es offiziell nicht gibt und das in verschiedenen Städten arbeitet, kreuzt sich morgens und abends mit einiger Wahrscheinlichkeit in Olten. Hier gehen täglich 80 000 Passagiere durch. Sogar wenn das Paar am selben Ort wohnt, hat Olten Vorteile, um verbotenen Sex zu haben. Man läuft in der abgelegenen Stadt keine Gefahr, einem Bekannten zu begegnen. Zugleich ist die Stadt anonym genug. Olten hat diese unscheinbare, provinzielle Charakterlosigkeit. Den meisten genügt ein Blick aus dem Intercity. In Olten hält nur, wer in Olten lebt, wer muss oder wer einen anderen will.



An der Hotelrezeption wissen sie es

Die Fremdgänger, die einen Halt einlegen, bleiben ungestört. Höchstens die Rezeptionisten der städtischen Hotels erkennen ihre Absicht und sagen trotzdem nichts. Sie wissen es, und das flüchtige Liebespaar weiss, dass sie es wissen. Bezahlt wird in bar in den billigen Hotels der globalen Ketten, die immer in der Nähe von Bahnhöfen und Flughäfen stehen. Es gibt auch Stundenhotels oder die namenlosen «Liebeszimmer», wo der Schlüssel unter dem Fussabtreter versteckt ist.

Solche Möglichkeiten bieten natürlich viele Städte. So wie neben Olten auch andere Orte auf halber Strecke liegen für Affären. Man könnte ein Land geografisch nach seinen heimlichen Treffpunkten vermessen. Zwischen Lausanne und Genf käme man auf Nyon, zwischen Winterthur und St. Gallen auf Wil. In der Mitte von Zürich und Luzern befindet sich Zug, und Lugano schiebt sich nach Luzern vor Mailand.

Kein Ort ist aber so gut gelegen wie Olten für den Halt auf Verlangen. Olten vereint die Schweiz schon seit langem. Olten garantiert eine Demokratie der Distanzen. In seinem Bahnhofbuffet wurden viele Vereine gegründet, und das bereits im 19. Jahrhundert: der Schweizer Alpenclub, der Schweizerische Gewerkschaftsbund, die Freisinnig-Demokratische Partei. Und 1971 die Gruppe Olten, zu deren Autoren Peter Bichsel, Adolf Muschg und Max Frisch gehörten. Treulos auch sie: Sie hatten sich vom Schweizerischen Schriftstellerverein abgespalten.



Das Verbotene hat etwas Flüchtiges

Das Pendeln begünstigt das Streunen. Täglich sind Tausende im Zug zur Arbeit unterwegs. Mobilität schafft Gelegenheiten. Angefangen bei der Frau im Abteil gegenüber, die man diese Woche schon zum dritten Mal sieht. Bis zu den Beamtenstädten, wo viele Wochenaufenthalter wohnen, die besonders häufig Seitensprungportale nutzen. Die Dating-Seite Ashley Madison hat das jedenfalls für Bern herausgefunden.

Was soll die mobile Liebe? Verbotene Nähe fällt leichter, wo man vorübergehend fremd ist. Das geht sogar noch besser, wenn man sich nur auf Durchfahrt wähnt. Das Verbotene bekommt etwas Flüchtiges. Nichts erinnert an das andere Leben, als hätte das alles nichts mit einem zu tun. Zumindest redet man sich das ein. Heimlich Liebende wählen wohl auch deshalb die Mitte und diese bevorzugt im Niemandsland. 

Und so rast man sich mit 140 Kilometern pro Stunde entgegen, bis man in Olten einfährt. Sich trifft, sich herzt, sich trennt, wieder zurückfährt. Sehnsüchtig und schuldig.

Die NZZ-Redaktorin Birgit Schmid schreibt in ihrer Kolumne «In jeder Beziehung» wöchentlich über unser Verhältnis zueinander und zur Welt.

 

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